Party in the Suomi!

Sonntag, 29.05: Helsinki

Man denkt vielleicht, die Finnen wären ein zurückhaltendes, ruhiges Volk. Aber wenn es ums Thema Eishockey geht, sieht es da anders aus. Gestern hatten wir im Aufenthaltsraum im Hostel beim Essen schon das Halbfinale nebenbei mitbekommen, heute Abend stand das Finale der Eishockey-WM an: Kanada gegen Finnland. Wir waren gespannt.

Aber zunächst haben wir uns bei einer Stadtführung die Geschichte und ein paar Sehenswürdigkeiten der Stadt etwas näherbringen lassen. Wir haben was zu feiernden Studenten auf dem Platz vor der Uni (ein Abschlussritual, das wir gestern beobachtet haben), einem deutschen Architekten namens Engel, der sehr auf die Farben Gelb und Weiß sowie den Neoklassizismus stand (ja, die halbe Innenstadt lässt sich so beschreiben) sowie der „Tradition“, eine Statue einer nackten Frau im Hafen passend zu kleiden, wenn es einen Anlass gibt erfahren (und da wegen der WM das Risiko bestand, dass jemand draufklettert und ihr eine finnische Flagge anzieht, war sie heute mit einer Holzabsperrung verziert).

Dann haben wir noch ein wenig zu den zwei Amtssprachen (Finnisch und Schwedisch) erfahren, sowie dass man in der Schule neben diesen beiden Sprachen mindestens noch Englisch, meist noch eine weitere Sprache lernt. Wir sind dann am Bahnhof vorbei zur Bibliothek gegangen, die sich die Stadt zum Jubiläum vor ein paar Jahren geschenkt hat. Dort kann man neben Büchern auch Brett- und Outdoorspiele, Videospiele, Hörbücher und vieles mehr leihen, es gibt 3D-Drucker, Nähmaschinen, Plotter, Videospielsäle und vieles mehr, alles was das Herz begehrt.

Danach sind wir noch ein wenig umhergestreift, haben das eine oder andere witzige Gebäude gesehen und sind dann zurück zum Hostel, um zu Mittag zu essen. Zum Glück gibt es hier eine voll ausgestattete Küche, zwei Herde mit Backofen, sodass wir nicht irgendeinen kleinen Happen in der Innenstadt holen müssen, der uns ein Vermögen kosten würde und wahrscheinlich nicht so satt machen würde.

Danach gehen wir wieder in die Stadt, die Atmosphäre während des Finalspiels wollten wir uns nicht entgehen lassen. Eigentlich stand Sauna auf dem Plan, aber das kann man immer nachholen, wer weiß, wann Finnland das nächste Mal in Finnland im Finalspiel spielt.

Direkt am Hauptbahnhof fielen L dann die Menschen auf, die mit finnischen Flaggen auf Pappe und kleinen Taschen Knabberkram aus einer Seitengasse kamen. Wir gingen ihnen also entgegen und hielten eine Minute später – Lidl sei Dank – auch je eine finnische Flagge mit Lidl-Werbung auf der Rückseite und eine Tüte Kartoffelsticks in der Hand. Coole Aktion, jetzt fallen wir gar nicht mehr so als Touristen auf, und was zu naschen haben wir auch.

Weiter folgten wir einigen Menschen, die zum Hafen strömten – dort war eine eher kleine Leinwand zum Public Viewing aufgestellt. Wir stellten uns natürlich dazu, Finnlandflagge in der Hand, Knabberkram in der anderen.

Und dann durften wir erleben, wie die sonst so zurückhaltenden Finnen locker werden und mitfieberten. Zunächst die Enttäuschung nach dem 1:0 für Kanada im zweiten Drittel, dann die Jubelei, als die finnische Mannschaft im letzten Drittel drei Tore hintereinander landen konnte – da kam richtig Stimmung auf, man skandierte „Suomi“ und tanzte und hüpfte miteinander. Als dann die Kanadier in den letzten Minuten des dritten Drittels auf 3:3 verkürzten, war die Enttäuschung spielbar. Dann hieß es 20 Minuten Pause und Nachspielzeit, wer dann das nächste Tor macht, sollte gewinnen. Nach keinen zehn Minuten Nachspielzeit haben die Finnen dann das lang ersehnte Tor gemacht und dann war die Stimmung am Überkochen. Die Menschen liefen von der Leinwand auf den großen Platz mit besagtem Brunnen, kletterten dort auf Laternenmäste und Haltestellenhäuschen, manche kletterten auf einen Sicherungskasten an einem Laternenmast und zogen sich dort mal halb, mal dreiviertel aus, bevor sie sich in die gröhlende Menge stürzten. Unser Klischee-Bild vom Finnen wurde heute komplett über den Haufen geworfen.

Irgenwwann war die Menge dann so aufgeheitert, dass sie probierten, die Statue zu stürmen. Zunächst kletterten einzelne die Holzbarriere hoch, rüttelten daran und nach zehn Minuten gemeinschaftlichen Rüttelns gab diese dann nach und die Barriere wurde Stück für Stück niedergerissen. Die hinter der Barriere stationierten Polizisten erkannten ihre Machtlosigkeit und zogen einfach ab. Und so sollte die nackte Frau heute beklettert und mit einer finnischen Flagge angezogen werden.

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